Lesenswert: Creationism in Europe

Blancke, S., Hjermitslev, H.H., Kjærgaard, P. (eds.)  (2014):

Creationism in Europe.- Baltimore, Johns Hopkins University Press, Baltimore. – Geb., 276 S., ca. 38 € (Kindle edition ca. 28 €).- ISBN 1 4214 1563 1.creationism-europe

Wissenschaftliche Kritik an Darwins großer Theorie der Evolution gibt es seit dem Erscheinen der „Origin of Species“ im Jahre 1859. Darwin selbst hat den Kollegenkreis dazu aufgefordert, diese hat diese Aufforderung auf- und angenommen. Diese konstruktive Kritik hat in den vergangenen 155 Jahren Darwins Theorie vorangebracht und zu ihrer Weiterentwicklung beigetragen. Das kann man von der Kritik des Kreationismus nicht behaupten, der anstelle einer wissenschaftlich fundierten Theorie alten Mythen von der Erschaffung der Welt und der Arten der Lebewesen durch einen Gott anhängt – sei es in der Form eines Kurzzeitkreationismus, der ein Erdalter von einigen tausend Jahren annimmt, sei es in der Form des „Intelligent Design“, bei dem aus der Komplexität der „Geschöpfe“ auf die Existenz eines „Designers“, eines „Schöpfers“ geschlossen wird, ohne diesen erst einmal explizit zu benennen.

Ohne Zweifel haben diese Bewegungen ihren Ursprung und auch ihre finanziell sehr gut ausgestatteten „Denkfabriken“ in den Vereinigten Staaten. Bis vor einigen Jahren glaubte man Europa von diesen Ideen weitgehend frei. Dass dem nicht so ist, belegt dieses verdienstreiche Buch in einer Reihe von länderbezogenen Beiträgen (zu Frankreich, Großbritannien, Iberische Halbinsel, Benelux, Skandinavien, Deutschland, Polen, Griechenland, Russland und Nachbarländer sowie die Türkei). „Eingerahmt“ werden diese Ländermonographien von einem einleitenden Überblicksbeitrag unter dem treffenden Titel „Kreationismus in Europa oder Europäischer Kreationismus“ und zum Abschluss Zusammenfassungen zu den Themen Katholizismus, Intelligent Design sowie zu Bewegungen gegen den zunehmenden Kreationismus auf einem Kontinent, der früher als eher unanfällig gegen diese Ideen galt. Dass dies schon lange nicht mehr so ist, beweisen eine Reihe von Befragungen, die in mehreren Ländern einen erschreckend hohen Anteil an diesen Ideen anhängenden Menschen in der Bevölkerung dokumentieren – über 50% beispielsweise in der Türkei. Den geringsten Anteil weist Island (7%) aus, während sich Deutschland im Mittelfeld (23%) bewegt. Erstaunlich ist das Erstarken des Kreationismus in Russland und anderen Staaten des ehemaligen atheistischen „Ostblocks“. Sehr lesenswert ist auch der Überblicksartikel zum Thema “Intelligent Design“.

In den einzelnen Beiträgen wird die Situation in den jeweiligen Länder analysiert, wobei auch auf die ersten Reaktionen nach der Rezeption des Evolutionsgedankens Ende des 19.Jahrhunderts eingegangen wird – ein hochinteressanter Aspekt, der z.T. einen erschreckenden Wandel von Akzeptanz zu einer ausgeprägten und gut organisierten Gegnerschaft dokumentiert. In diesem Kontext werden in einem sehr lesenswerten Beitrag die Rolle der „Studiengemeinschaft Wort und Wissen“, ihre Entstehung und ihre verschiedenen, z.T. auf internationaler Ebene sehr erfolgreichen Publikationen analysiert. Die Bedeutung der Kreationisten belegt auch die teilweise gute Vernetzung der Gruppen untereinander, die letztlich auch durch die Übersetzung der verschiedenen Publikationen und deren Verbreitung deutlich wird – selbst wenn es sich manchmal auch nur um die längst bekannten Positionen der US-amerikanischen Vordenker handelt.

Insgesamt, trotz manchmal etwas unterschiedlicher Qualität der Länderbeiträge und einem etwas zu allgemeinen und vor allem nicht differenzierten Kreationismusbegriff – zwischen  Intelligent Design bis zu einem Junge-Erde-Kreationismus wir kaum differenziert  , ein lesens- und empfehlenswertes Buch, das in Bibliotheken von Universitäten, Lehrerbildungseinrichtungen und Schulen nicht fehlen sollte.

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