Vergessene Archäologie: Steinwerkzeuge so alt wie Dinos?

brandt-vergessene-archaeologieSteine, wie von Menschenhand bearbeitet: Immer wieder stößt man auf solche Funde, die mit ihren Formen und Bruchkanten an steinzeitliche Werkzeuge (Steinartefakte) erinnern. Einige dieser sogenannten Eolithen sind über 50 Millionen Jahre alt. Nur: Damals, im sogenannten Tertiär, gab es noch gar keine Menschen!

Muss also die Menschheitsgeschichte umgeschrieben werden, wie der Autor Michael BRANDT (“Vergessene Archäologie”) meint? Keineswegs! – sagt der Kreationismuskritiker Martin NEUKAMM. In seinem Beitrag erklärt er anhand wissenschaftlicher Primärliteratur und zahlreicher Experten-Aussagen, warum gesplittertes Gestein aussehen kann wie Werkzeug. BRANDTs Argumentation wird dabei umfassend kritisiert. Es wird dargelegt, warum aus wissenschaftlicher Sicht an eine Rehabilitierung der Eolithen nicht zu denken ist. Mit 36 Abbildungen.

Eine Kurzversion des Beitrags ist in der Zeitschrift Skeptiker erhältlich.

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Die wichtigsten Argumente zusammengefasst: 

 

1. Der Steinzeitforscher Christian FUCHS (“Steinzeit & Co.”) bemerkt, dass der größte Teil der von BRANDT in seinem Buch “Vergessene Archäologie” präsentierten Fotografien und Zeichnungen nicht aussagekräftig sei. Wissenschaftlicher Standard sei eine Abrollung mit senkrechten Ansichten aller Flächen. Bei BRANDT hingegen fehlen meist wichtige Ansichten wie etwa die Lateralkanten, die der Fachmann beispielsweise für die Bestimmung der sogenannten Abbauwinkel(Winkel zwischen Schlagfläche und Abbaufläche) braucht. Folglich sei ohne strenge Inaugenscheinnahme der Originale (Autopsie) kein potenzielles Artefakt belegbar.

Besonders problematisch ist die Beurteilung fraglicher Artefakte aufgrund von (historischen) Zeichnungen. Zwar versuchen seriöse Zeichner, ein objektives Abbild zu schaffen, doch subjektive Komponenten sind unvermeidbar. Im Text wird ein besonders problematisches Beispiel aus BRANDTs Buch vorgestellt und diskutiert.

 

2. Nach BRANDTs Auffassung sind bestimmte Schlagmerkmale und Formen an Steinen hinreichend für die Artefaktbeurteilung. Die meisten Fachleute sind sich jedoch einig, dass die Merkmale zwar Anhaltspunkte liefern. Sie erlauben es aber in der Regel nicht, einfache kantenbearbeitete, atypische Steinwerkzeuge von Naturbruch sicher zu unterscheiden. Der Grund: Sämtliche Merkmale, die einfache Steinartefakte aufweisen, können auch an durch Naturbruch zustande gekommenen Abschlägen auftreten. So hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts die sichere Unterscheidung zwischen einfachen Artefakten und Naturbruch zusehends als problematisch herausgestellt. Zahlreiche Wissenschaftler, die mit der Materie zu tun haben, gelangen zu dem Schluss, dass sich in der Grauzone zwischen Naturbruch und paläolithischen Artefakten keine objektiven Merkmale zur Unterteilung formulieren lassen. Oft erlauben nur subjektive Einschätzungen, abhängig vom Maßstab des Betrachters, eine Qualifizierung als Artefakt.

 

3. Menschlich wirkende Schlagmerkmale kommen auch an Stücken vor, die aufgrund anderer Merkmale als Artefakte ausscheiden (ADRIAN 1948, S. 23). Deshalb sind nicht nur die Schlagmerkmale bei der Merkmalsanalyse maßgeblich. Ein wichtigeres Beurteilungskriterium ist der sog. Habitus. So zeigt sich bei genauer Untersuchung, dass sich auch unter BRANDTs “Elite-Stücken” zahlreiche Stücke befinden, die nur teilweise artefaktähnlich sind, als potenzielle Artefakte also nicht infrage kommen.

 

4. Der Steinzeitforscher Walther ADRIAN erbrachte im Rahmen seiner umfassenden Eolithenstudie Belege dafür, dass einfachste Steinwerkzeuge wie Schaber, Kratzer, Bohrer usw. unter bestimmten Voraussetzungen lokal gedrängt auf natürliche Weise entstehen. Seine Argumentation stützt sich auf die Tatsache, dass in norddeutschen Aufschlüssen der ungestörten Grundmoräne der Saale-Vereisung fast alle “Werkzeuge” und Schlagmerkmale wie Schlagbuckel, Schlagflächenreste, Dorsalnegative und regelmäßige Kantenretuschen vertreten sind, denen Forscher bereits in den tertiären Inventaren RUTOTs begegnet waren.

Die norddeutschen Eolithen  scheiden jedoch aus mehreren Gründen als Artefakte aus:

  • Insbesondere fragile, artifizielle Abschläge haben bei längerem Transport im Eis oder nach mehrmaliger Umlagerung durch den Gletscher kaum Chancen, kenntlich zu bleiben. Vereinzelt ist dies zwar möglich. Aber aufgrund der Dispersion (weitläufigen Verstreuung) sowie aufgrund der zerstörerischen Kräfte im Innern der Gletscher werden die Spuren von anstehendem Material nachgewiesenermaßen sehr schnell gering. Das heißt: Je stärker sich artefaktähnliche Abschläge in den Grundmoränen konzentrieren, desto unplausibler ist, dass es sich um Artefakte handelt. Ausgerechnet dort bargen Wissenschaftler und Sammler Zehntausende von Eolithen, darunter viele Stücke, die sich nicht von Steinwerkzeugen unterscheiden. Die natürliche Herkunft der norddeutschen Eolithen lässt sich nicht vernünftig in Zweifel ziehen.  BRANDT versucht zwar anhand einer kaum anerkannten Studie zu zeigen, dass hochenergetische, glaziale Verlagerungen Artefakt-Merkmale oft intakt lassen (CHLACHULA & LE BLANC 1996). Aber diese Studie hat wenig Beweiskraft und wird von den meisten Wissenschaftlern als sehr problematisch eingestuft (DRIVER 2001; GILLESPIE et al. 2004, S. 619; HAYNES 2002, S. 55f; PECK 2011, S. 21f). Außerdem widerspricht deren Annahme allen bisherigen Erfahrungen der norddeutschen Glazialforscher, etwa den Geschiebeuntersuchungen von M. SAURAMO in Finnland und von G. LUNDQVIST in Schweden.
  • Wer annimmt, es handele sich bei den norddeutschen Eolithen um mittelpaläolithische Werkzeuge, kann das Fehlen entsprechender Leitformen im saaleeiszeitlichen Geschiebe nicht schlüssig erklären. Zum Beispiel entdeckten Archäologen am Fundplatz Markkleeberg bei Leipzig neben Schabern und Kratzern vor allem Faustkeile sowie Kerne und Klingen der Levallois-Technologie (Abb. 32). Der Habitus dieser Stücke spricht für ihre Werkzeugnatur.

Fazit: Entgegen BRANDT steht außer Frage, dass geologische Prozesse unter bestimmten Voraussetzungen artefaktähnliche Stücke lokal in größerer Zahl produzieren, obwohl wir noch nicht genau wissen, wie die Natur sie im Einzelnen hervorbrachte. Die Frage, ob dergleichen möglich war, ist logisch unabhängig von der Frage, wie es möglich war. Aus diesem Grund gilt ADRIANs Arbeit bis heute als Meilenstein in der Artefakt- bzw. Eolithenforschung.

 

5. Ein weiterer Grund für die Annahme, dass es sich bei den Eolithen um natürliche Bildungen handelt, sind die oft  unmerklichen Übergänge, die man an einigen Eolithen-Fundorten von typischen Eolithen bis zu Steinen mit ganz rohen und natürlich aussehenden Absplitterungen usw. antrifft. Zum Beispiel führt BRANDT eine Serie von “Doppelschabern” vom Kent-Plateau an. Aufgrund der ähnlichen Form sieht er in diesen Fundstücken vom Kent-Plateau Werkzeuge aus Menschenhand. Doch es handelt sich um eine Auswahl. Ohne Selektion des Fundguts zeigen sich völlig andere Verhältnisse – von einer signifikanten Häufung bestimmter Artefaktformen kann nicht gesprochen werden.

 

6. Es gibt keinerlei merkmalsunabhängige Indizien für die Artefaktnatur der fraglichen Eolithen-Funde. Das Gegenteil ist der Fall:

  • Komplexe, flächenretuschierte Stücke wie Faustkeile, Blatt- und Stielspitzen (Pfeilspitzen), Levallois-Kerne, Cleaver usw., die aufgrund ihres Habitus eindeutig als Artefakte eingestuft würden, sind unter den Eolithen praktisch nie vertreten. Und wenn doch, dann in atypischer Ausprägung, ohne intentionellen Habitus und nie in einem Kontext, der eine menschliche Kultur belegt. Die überwiegende Mehrheit der Eolithen sind sehr einfache, kantenbestoßene Abschläge und derbe, chopperartige “Kerne”, die aufgrund ihrer Einfachheit keine belastbaren Schlüsse über ihre Herkunft zulassen.
  • Es gibt auch nicht einen einzigen Fundort, an dem das zur Diskussion stehende Flintmaterial einmal in einer intakten Kulturschicht vorkäme. Kein einziger Eolith wurde in einem Kontext geborgen, der eine menschliche Aktivität – unabhängig von grundsätzlich mehrdeutigen Schlagmerkmalen – überzeugend belegen würde.
  • Die eolithische “Kultur” tritt vom Tertiär bis in die Bronzezeit hinein völlig unverändert neben hochentwickelten Industrien auf. Es ist zwar grundsätzlich möglich, dass primitive und höher entwickelte Kulturen nebeneinander bestehen können. Dass aber eine sich im Wesentlichen immer gleichbleibende eolithische Technik immerzu neben – und oft sogar räumlich eng – höher entwickelten Techniken fortbestanden haben sollte, kann selbst mit der weitgehendsten Voraussetzung der “eolithischen Mentalität” nicht überzeugend nachgewiesen oder erklärt werden.
  • Die Eolithen finden sich nie an plausiblen Lagerplätzen von Homo, sondern fast durchweg in geologischen Terrains, die das natürliche Vorkommen von Feuerstein kennzeichnen. Das nahezu exklusive Auffinden der Eolithen in Zonen mit Zerreiß- oder Bruchstellen, in der Nähe von Küstengebieten, Gletschern, Flussufern usw. ist ein Argument dafür, dass natürliche Rollung und Pressung, Druck und Stoß, speziell an Feuersteinen Wirkungen hervorzubringen vermögen, die ihnen den Anschein von Artefakten verleihen. Auch wenn man annimmt, dass Menschen häufig an solchen Plätzen wohnten, finden sich unzweifelhafte Werkzeuge auch außerhalb dieser Terrains, weil sie die Menschen mitnahmen und an Jagdplätzen zurückließen.

Kurz: Solange nicht Kriterien erfüllt sind, die über Schlagmerkmale hinausgehen und menschliche Aktivitäten im Zusammenhang mit den Funden glaubhaft machen, kann der Artefaktcharakter der Funde nicht als bestätigt gelten. Es ist daher sinnlos, die evolutive Menschheitsgeschichte anhand unsicherer Frakturmerkmale von Steinen infrage zu stellen, die fast nur an natürlichen Feuersteinvorkommen gefunden wurden und eine umfangreiche Dislozierung erfahren haben.

 

7. Selbst wenn sich manche Eolithen als Artefakte erwiesen, spräche dies noch lange nicht für einen menschlichen Ursprung. Eine relativ aktuelle Studie (PROFFITT 2016) zeigt: Kapuzineraffen sind in der Lage, einfache Abschläge sowie Kerne und Schlagsteine mit Impaktmarken herzustellen, die absichtlich erzeugten Geräten von Homininen ähneln. Dieses Verhalten kann auch bei ausgestorbenen Affen verbreitet gewesen sein. Was die von BRANDT erwähnten “Primitivindustrien” anbelangt, ist es schwierig bis unmöglich, einfache menschliche Artefakte von natürlichen Produkten oder Primaten-Erzeugnissen zu unterscheiden.

 

8. BRANDTs Vergleich von Eolithen mit ähnlich einfachen, anerkannten Artefakten, etwa mit Funden der Moustérien- und Oldowan-Kulturen ist irreführend: Auch wenn sich die Stücke ähneln, bedeutet das nicht, dass sich die Fundumstände ähneln und gleiche Entstehungsursachen naheliegen.

Bei der Absicherung der Oldowan-Funde beispielsweise ist weniger die Struktur der Steine als der Befund maßgebend: Zum einen sind die Steine an verschiedenen Fundstellen mit Überresten der Hominiden-Gattung Australopithecus und frühen Vertretern der Homininen vermengt. Zum anderen belegen Zusammensetzungen Abbausequenzen von bis zu 50 und mehr Abschlägen, und Schnittmarken an Tierknochen sprechen für den Gebrauch der Abschläge. Außerdem findet man im klassischen Oldowan Lagerplätze, dazu Haufen zerlegter Knochen, denen das Mark fehlt. Solche Belege für eine menschliche Kultur fehlen bei den Eolithen vollständig.

 

9. BRANDT behauptet pauschal, lokal gehäuftes Entstehen artefaktähnlicher Steine sei sehr unwahrscheinlich. Er kann diese These jedoch nicht überzeugend belegen. Teils stützt er sich auf Nichtwissen, teils auf einfachste Schüttel- und Rüttelexperimente, deren Aussagewert umstritten ist. Vor allen Dingen ignoriert BRANDT die erwähnte Tatsache, dass die von ihm zur ausreichenden Bewertungsgrundlage erhobenen Artefakt-Merkmale auch an Stücken auftreten, die aufgrund anderer Merkmale als Artefakte ausscheiden! Wenn das kein Indiz für die natürliche Entstehung der Artefakt-Merkmale ist, was dann?

 

10. Der Autor reduziert die natürliche Entstehung artefaktähnlicher Steine auf Zufallsfaktoren. (Er hat dazu sogar ein Zitat manipuliert, ohne dies kenntlich zu machen.) Der Steinzeitforscher Walther ADRIAN hat jedoch erklärt, warum bestimmte Merkmale wie regelmäßige Retuschen, einseitige Kantenbearbeitung usw. unter bestimmten Voraussetzungen auch natürlich entstehen. Sie werden teils von der Wachstumsstruktur des Flints begünstigt – eine Erkenntnis, die BRANDT ignoriert.

 

11. BRANDT verdreht die Beweislast: Anstatt nachzuweisen, dass die Merkmale der Eolithen dazu geeignet sind, eine (prä-) pliozäne Existenz des Menschen hinreichend sicher zu belegen, fordert er, die Archäologie solle “evidenzbasiert begründen”, dass “durch zufällige Naturprozesse häufig artefaktähnliche Steine entstehen”. Doch er erkennt die erwähnten Evidenzen gar nicht an. Stattdessen legt er den Schwerpunkt auf das Fehlen experimenteller Hinweise. So bemängelt er immer wieder, experimentell erzeugte Geofakte entsprächen nicht bis in die Details jenen Eolithen, die sehr gut gearbeiteten Artefakten gleichen. Damit legt er die methodologische Messlatte unrealistisch hoch an.

Naturprozesse lassen sich für gewöhnlich nicht im Freiland- oder Laborexperiment nachstellen. So wäre es unsinnig zu fordern, der Wissenschaftler möge die Kontinentaldrift oder die Entstehung des Erdmagnetfeldes, die Bildung von Fossilien, Gebirgen usw. experimentell zeigen. Im Idealfall lassen sich einzelne Aspekte der betreffenden Vorgänge simulieren. Die Prozesse im Ganzen sind aber nur indirekt (theoretisch) erschließbar. Dasselbe gilt im vorliegenden Fall. BRANDT setzt sich so dem Verdacht aus, gegenüber der modernen Wissenschaft eine Immunisierungsstrategie zu gebrauchen. Dazu schreibt der Steinzeitforscher Christian FUCHS:

“Nehmen wir an, BRANDT würde behaupten, der Neandertaler sei nicht ausgestorben, dann müsste das Erbgut sämtlicher Menschen untersucht werden, um diese These zu widerlegen. Hier zeigt sich deutlich, wie die umgekehrte Beweislast BRANDT & Co. in die Hände spielt. Würde BRANDT wissenschaftlich argumentieren, so müsste er den Beweis erbringen, dass der Neandertaler nicht ausgestorben ist, beispielsweise anhand der DNA-Analyse eines lebenden Menschen. Hier zeigt sich, warum es so schwierig ist, BRANDT auf wissenschaftlicher Ebene zu antworten.”

12. In den Naturwissenschaften spricht derzeit nichts dafür, dass im Tertiär Menschen lebten. Deshalb kann nicht vernünftig anhand der Struktur einfachster Naturprodukte auf deren Existenz geschlossen werden. Es ist ja nicht so, dass wir mit tertiären Überresten eines Automobils konfrontiert wären, die eine menschliche Industrie belegen würden. Vielmehr haben wir es mit einfachsten Naturprodukten zu tun! Trotzdem versucht BRANDT, seine Hypothese zu retten. Er behauptet, der Artefaktstatus der tertiären Steine würde hauptsächlich deshalb nicht akzeptiert, weil er den gängigen evolutionären Vorstellungen widerspricht.

Träfe dies zu, wären nicht nur grundlegende Erkenntnisse der Evolutionsbiologie falsch, sondern auch intersubjektiv gültiges Wissen aus der Archäologie, der Paläanthropologie und Genetik. Zum Beispiel findet man in Ostafrika Fossilien von Urmenschen, die sich in Gestalt und Kultur dem Menschen zusehends annähern, je jünger sie sind, angefangen mit Australopithecus afarensis (ca. 3,3–2,5 Mio. Jahre alt) über Homo habilis (ca. 2,5–1,9 Mio. Jahre) bis hin zum frühen Homo erectus (1,9–0,5 Mio. Jahre). Dies spricht dafür, dass es vor mehr als 2,5 Mio. Jahren zwar menschenähnliche Primaten gab, aber keine Menschen. Zudem kann man durch Auswertung genetischer Marker die Ausbreitungs- bzw. Besiedlungswellen von Homo sapiens rekonstruieren. Auch sie schließen eine frühere Existenz des Menschen in Europa aus.

All diese Befunde müssten falsch sein! Auch die meisten kernphysikalischen Datierungen wären nach BRANDTs Ansicht unhaltbar. Um seine Ansicht zu begründen, zitiert er beispielsweise den Eolithenskeptiker Hugo OBERMAIER (1908), der feststellt, dass der Formenkreis der Eolithen über die Jahrmillionen hinweg absolut gleich bleibt. Dies, so Obermaier weiter, “widerspricht jeglichem Gesetze von Entwicklung, das sich nicht bloß somatologisch, sondern auch intellektuell unfehlbar ausprägen müsste” (S. 303f). Ein schwerwiegendes Argument gegen BRANDTs These! Doch er deutet es in seinem Sinne um und stützt damit seine Behauptung, dass die gesamte Erdgeschichte nur wenige Tausend Jahre umfasse. Dies ergibt aber nur dann Sinn, wenn als erwiesen vorausgesetzt wird, was es zu belegen gilt – nämlich dass es sich bei den Eolithen um menschliche Artefakte handelt. Der Zirkelschluss in BRANDTs Argumentation ist offensichtlich.

BRANDT übergeht, dass die Jahrmillionen des Tertiärs unabhängig von etwaigen tertiären Artefakten und populationsdynamischen Überlegungen belegt sind, nämlich durch Isotopen-Datierungen. Um sie infrage zu stellen, müsste der Autor essentielle Teilstücke und Methoden der Kernphysik, wie die sehr zuverlässige Isochronenmethode, angreifen, statt höchst umstrittene Annahmen über tertiäre Artefakte zu treffen. BRANDT kann dies weder leisten noch beabsichtigt er es. Zudem übersieht er etwas Wesentliches: Wären die vielen unabhängigen Erkenntnisse falsch, die das Bild der evolutionären Hominisation ergeben, wäre der Versuch, ein halbwegs einheitliches Bild von der Menschheitsgeschichte zu skizzieren, im Ansatz stecken geblieben.

 

13. Den wichtigsten Grund, warum die tertiären Eolithen aus Sicht des Autors menschengemacht sein müssen, kann man BRANDTs Buch leider nicht entnehmen: weil die Menschheit nach seinem evangelikalem Weltverständnis nicht evolvierte, sondern von einem Schöpfer, zeitgleich mit der Erde, vor etwa 6.000 Jahren ins Dasein gerufen wurde. Lange erdgeschichtliche Epochen ohne Spuren menschlichen Daseins würden sich in diesem Weltbild schlecht ausnehmen. Was liegt da näher, als eine historische Kontroverse aufzufrischen?

BRANDT vermeidet es peinlichst, den religiösen Hintergrund seiner Behauptungen auch nur anzudeuten. Dieser kann nur indirekt, über seine Autorschaft in evangelikalen Gruppierungen sowie über die Hartnäckigkeit, mit der er eine wenige Tausend Jahre junge Erde gegen erdrückende Widerlegungsinstanzen vertritt, erschließen. Und BRANDT versucht gar nicht erst, die im Vergleich zum “Eolithenproblem” weitaus schwerwiegenderen Probleme seiner Weltdeutung auszubuchstabieren. Dies sind insbesondere jene, die bei der Stauchung der Menschheitsgeschichte auf wenige Tausend Jahre zutage treten. Würde er dies tun, würde offenbar, dass seine Schlussfolgerungen alles andere als eine Erklärung für die Herkunft der Eolithen liefern. Dann müsste man einrechnen, dass wir etwa 5.000 Jahre Menschheitsgeschichte haben, die durch Schrift und Bildwerke historisch datierbar ist.

Selbst wenn BRANDT ein Weltalter von 10.000 Jahren zugestehen sollte, blieben für die Vorgeschichte der Gattung Homo lediglich 5.000 Jahre. Das bedeutet, dass sich Homo, nachdem das erste Menschenpaar erschaffen wurde, in ein paar Dutzend Generationen über ganz Afrika und Eurasien ausgebreitet und überall seine alt- und mittelpaläolithischen Artefakte hinterlassen haben müsste. In ein paar Dutzend weiteren Generationen müsste er die jungpaläolithischen Artefakte über die ganze Erde verstreut haben. Nebenbei besiedelte Homo sapiens Australien und den amerikanischen Kontinent. Weitere Dutzende Generationen später haben wir die neolithischen Kulturen mit Ackerbau und Viehzucht. Ein paar Dutzend Generationen später kommen wir bei den ersten Flächenstaaten und bei der Geschichte im engeren Sinn an. Dieses Szenario ist unverträglich mit allem, was wir über die eigene Vorgeschichte wissen – weit über das hinaus, was wir bis hierher anführten. Ganz zu schweigen von den Inzuchtproblemen, die sich einstellen, wenn sich die Nachkommen eines Paares fortlaufend untereinander fortpflanzen.

In Mittel- und Westeuropa folgen mehrere gut unterscheidbare jungpaläolithische Kulturen aufeinander. Diese können im Zeitprofil des Kreationismus jeweils nur ein paar Generationen gedauert haben. Wie haben es unsere neolithischen Vorfahren geschafft, in rasantem Tempo Kulturpflanzen und domestizierte Tiere zu züchten? Dieser Prozess müsste ebenfalls in wenigen Generationen abgelaufen sein. Mit den Ergebnissen der Züchtungsforschung sind solche Annahmen unvereinbar. Und wie passen die durch die Genomik belegten Wanderungs- und Austauschprozesse der weltweit verstreuten Populationen von Homo überhaupt in ein solches Zeitraster?

Fazit: BRANDTs Buch zielt nicht auf wissenschaftliche Erkenntnis, sondern auf die Substitution aktuell gut gesicherten Wissens durch einen Schöpfungsmythos, den er aus dem von ihm bevorzugten Heiligen Buch ableitet, auch wenn er jegliche Andeutung dazu vermeidet.

 

Allgemeines Fazit:

 

Hinsichtlich des Plädoyers für die Wiederanerkennung der Eolithen kann das Buch “Vergessene Archäologie” nicht überzeugen. Sein Autor wählt eine für sich allein betrachtet unsichere Diagnostik (die Ähnlichkeit tertiärer Steine mit einfachsten Steinwerkzeugen) und zieht daraus gewagte Schlüsse über das Alter der Menschheit. Weitaus zuverlässigere Argumente und Argumentcluster, die seine Schlüsse widerlegen, werden entweder ignoriert oder mit fragwürdigen Einwänden angegangen. Doch die Unverträglichkeit der Eolithen-Hypothese mit gut untermauerten Erkenntnissen der Archäologie, Paläanthropologie, Genetik usw. konterkariert die Möglichkeit einer positiven Rückbesinnung auf die These von der Existenz des Tertiärmenschen bereits im Ansatz.

Gänzlich verfehlt ist die Argumentation für eine nur wenige Tausend Jahre “junge” Erde: Selbst wenn sich herausstellte, dass einige (oder alle) frühtertiären Eolithen menschengemacht wären, läge BRANDTs Weltsicht jenseits aller Vernunft. Widerlegt wäre dann zwar die aktuelle Sicht auf die Evolution des Menschen. BRANDTs Kurzzeit-Argumentation jedoch ist in einem Ausmaß problembehaftet, dass sie nicht als wissenschaftliche Alternative in Betracht käme.

Und so kommen wir auf die Ausgangsfrage zurück: Wurden die Eolithen überwiegend aufgrund weltanschaulicher Vorurteile der Forschungsgemeinschaft, die an der Evolutionstheorie nicht rütteln wolle, zu Geofakten erklärt? Nein, eine solcherart subjektive Validierung würde von der Forschergemeinschaft nicht toleriert. BRANDTs historisch überkommene Eolithen-Hypothese ist selber ein Beispiel dafür; sie krankt daran, dass sie in Bezug auf das gesicherte historische Wissen unserer Zeit nicht mehr glaubwürdig ist.

Das Buch “Vergessene Archäologie” überspielt diese Tatsache systematisch. So spricht der Autor vom “Diktat des Vorgeschichtsparadigmas, wonach Menschen im Tertiär nicht gelebt hätten” (S. 281). Warum “Diktat”? Da ein Spektrum von Befunden gegen die vorpliozäne Existenz des Menschen spricht, kann man schwerlich von einem “Diktat” sprechen – man braucht dafür nicht einmal evolutionäre Vorannahmen zu bemühen. Es läge am Autor selbst, dieses “Paradigma” mit guten statt mit schlechten Argumenten zu widerlegen.

Was ist in diesem Zusammenhang unter guten Argumenten zu verstehen? Die Antwort darauf kann man dieser Arbeit entnehmen: Fände BRANDT in den tertiären Schichten Europas Knochen von Homo, bearbeitete Tierknochen oder komplexe Kernsteine in verschiedenen Abbaustadien, wäre die Eolithen-Hypothese diskutierbar. Bürge er dort Rohsteine und Abschläge, deren Artefaktcharakter sich durch Zusammensetzung sichern ließe, wäre seine Kritik bedenkenswert. Fände er artefaktähnliche Steine in von Natur aus gesteinsfreien Sedimenten oder könnte er intakte Kulturschichten mit aktivitätsspezifischen Lokalitäten wie Killsites, Ateliers und Lagerplätze glaubhaft machen, würde die historische Diskussion neu befeuert.

Nichts von all dem trifft zu. Die Eolithen finden sich nie an plausiblen Lagerplätzen von Homo, sondern fast durchweg in geologischen Terrains, die das natürliche Vorkommen von Feuerstein kennzeichnen. Das nahezu exklusive Auffinden der Eolithen in Zonen mit Zerreiß- oder Bruchstellen, in der Nähe von Küstengebieten, Gletschern, Flussufern usw. ist ein Argument dafür, dass “natürliche Rollung und Pressung, Druck und Stoß, speziell an Feuersteinen Wirkungen hervorzubringen vermögen, die ihnen den Anschein von Artefakten verleihen” (OBERMAIER 1908, S. 296).

Auch wenn man annimmt, dass Menschen häufig an solchen Plätzen wohnten, finden sich unzweifelhafte Werkzeuge auch außerhalb dieser Terrains, weil sie die Menschen mitnahmen und an Jagdplätzen zurückließen (HOFFMANN 2009, S. 28). Es ist sinnlos, die evolutive Menschheitsgeschichte anhand unsicherer Frakturmerkmale von Steinen infrage zu stellen, die fast nur an natürlichen Feuersteinvorkommen gefunden wurden und eine umfangreiche Dislozierung erfahren haben.

 

Links:

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/pdf/2017/vergessene-archaeologie.pdf

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/html/2017/vergessene-archaeologie.html

 

Entstehung des Lebens in der Tiefsee

Zwei Studien lösen das Problem niedriger Ausgangskonzentrationen von Biomolekülen

 

lava-meer-2Die Entstehung des Lebens aus unbelebter Materie setzt relativ hohe Konzentrationen von Ausgangsstoffen (Bausteinen des Lebens) voraus, aus denen sich komplexere Moleküle bilden können.  Hohe Konzentrationen aber können in der Ursuppe sicher nur lokal vorgelegen haben. Dieser Einwand, der oft aus dem Lager der Kreationisten gegen eine natürliche Entstehung des Lebens vorgetragen wird, hat zwar kein großes Gewicht: Schon lange ist bekannt, dass sich Moleküle teils selektiv an mineralischen Oberflächen wie Eisen- und Zinksulfid, in den Poren von Tonmineralien und Meteoriten sowie in Fettsäure-Vesikeln anreichern und dort miteinander reagieren können (vgl. etwa GLAVIN & DWORKIN 2009; MULKIDJANIAN, 2009; SPIRIN 2005; WÄCHTERSHÄUSER 1988). Gleichwohl waren konkrete, empirisch untermauerte Szenarien dafür bislang Mangelware.

Im vergangenen Jahr konnte das Forscherteam um den Biophysiker Dieter BRAUN von der Ludwig-Maximilians-Universität München erstmals nachweisen, dass wasserumspülte Gesteinsporen unter dem Einfluss von Hitze (etwa in den hydrothermalen Schloten in der Tiefsee) tatsächlich günstige Reaktionsräume für die Entstehung und Anreicherung komplexer Biomoleküle wie RNA und DNA darstellen (KREYSING et al. 2015). Wichtig ist dabei vor allem, “… dass die Gesteinspore einseitig erhitzt ist, sodass die der Wärmequelle zugewandte Seite der Pore deutlich wärmer ist als die andere”, lässt BRAUN auf der Ludwig-Maximilians-Universität München verkünden, der auch Mitglied des Exzellenzclusters Nanosystems Initiative Munich (NIM) und des Center for NanoScience (CeNS) ist.

Der Effekt basiert auf dem Prinzip der so genannten Thermophorese: Befinden sich Moleküle in einem fluiden Medium, in dem ein Temperaturgefälle herrscht, bewegen sich die Moleküle von der warmen zur kalten Seite. Werden porenreiche Mineralien oder Gesteine von diesem ungleichmäßig heißen Medium umspült, sammeln sich die Moleküle in den kühleren Poren, konzentrieren sich dort auf und bleiben gefangen – das poröse Gestein wird zur “Molekülfalle”.

Inspiriert durch diese Ergebnisse modellierte kürzlich eine Forschergruppe um die Chemikerin Simone WIEGAND ein solches System, um die Anreicherung eines präbiotisch wichtigen chemischen Ausgangsstoffs zu simulieren: Formamid (HCONH2), das z. B. bei verschiedenen “Ursuppen-Experimenten” aus Atmosphärengasen entsteht und bei der Bildung komplexer Biomoleküle wie Nukleinbasen eine bisher unterschätzte Rolle zu spielen scheint, entsteht in aller Regel nur in sehr niedriger Konzentration. In dieser stark verdünnten Form ist sie für die Entstehung von Biomolekülen kaum von Bedeutung. NIETHER et al. (2016) konnten jetzt erstmals zeigen, dass eine stark verdünnte Formamid-Lösung unter bestimmten Bedingungen bis auf 85 Gewichtsprozent aufkonzentriert werden kann und somit die Entstehung von Nukleinbasen erklären könnte. (Man kann davon ausgehen, dass auch andere niedermolekulare organische Verbindungen auf diese Weise in den Kapillar-Röhren angereichert werden und somit für diverse präbiotische Synthesen zur Verfügung stehen können.) Weiterlesen

Welt mit Verstand! Eine Analyse der Replik von Felix HESS

von Uwe GROM

Wort und Wissen

Markus WIDENMEYER, aktives Mitglied der Evangelikalen-Organisation WORT-UND-WISSEN, hat mit seinem Buch „Welt ohne Gott?“ eine missglückte Kritik am wissenschaftlichen Naturalismus abgeliefert. Martin NEUKAMM, geschäftsführende Redakteur der AG Evolutionsbiologie, weist dies in einer beeindruckenden 10-teiligen Besprechungsreihe nach. Es zeigt sich: WIDENMEYERs Versuch, den Glauben an Gott vernünftig zu begründen, ist ungenügend. Als Reaktion darauf versucht sich ein WORT-UND-WISSEN-Anhänger namens Felix HESS an einer Analyse des 1. Teils der Besprechung. Er behauptet, NEUKAMM eine Reihe von Fehlern nachgewiesen zu haben: Dieser schreibe, so Felix HESS, an WIDENMEYERs Ausführungen vorbei, übergehe zentrale Aussagen, befasse sich mit Fragen, die nicht Gegenstand des Buchs seien, verstehe Argumente falsch und kritisiere Positionen, die WIDENMEYER nicht vertrete. In der vorliegenden Analyse werde ich Punkt für Punkt zeigen, dass die Vorwürfe von Felix HESS aus der Luft gegriffen sind. Es offenbart sich ein mangelhaftes Verständnis von Argumenten, teils eine falsche Darlegung derselben gepaart mit Fehlschlüssen, schlechter Philosophie sowie einem unsachlichen Schreibstil. Vor allen Dingen tut Felix HESS so, als habe NEUKAMM auf zentrale Aussagen WIDENMEYERs keine Antworten geliefert und übergeht dabei die übrigen Teile der Besprechungsreihe, in denen sich die Antworten finden.

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Aus dem Inhalt

 

– Einführung

– Stilfragen und “Polemik nach Rezept”

– Einmarsch ins Grenzgebiet: “Koinzidenz” als Nebenkriegsschauplatz von Felix Hess

– Existenz des Universums: ein erfundener Anklagepunkt

– Ausdruck schlechter Philosophie: Das innere Wesen der Dinge

– Was sind intrinsische Eigenschaften?

– Der unhaltbare Phänomenalismus

– Schlechte Metaphysik von Felix Hess: Das Fehlen semantischer Klarheit

– Versucht sich WIDENMEYER an einer Letztbegründung oder nicht?

– Die Regelhaftigkeit der Natur: eine unerklärbare Tatsache (factum brutum)

– Gott: Der Schluss auf die beste Erklärung?

– Ist Gott plausibel oder (un-) wahrscheinlich?

– Die Frage der Beweislast

– Skurrile Methodik: Ist Gott eine spezifische Erklärung?

– Fazit, Dank und Literatur

 

 

Fazit

 

Felix HESS gibt eine enttäuschende Vorstellung. Angesicht seiner Vorwürfe hätte man durchaus eine sachliche und fundierte Auseinandersetzung mit NEUKAMMs Artikel erwarten können. Stattdessen macht er sich die Fehler und den unsachlichen Stil selbst zu eigen, die er im Artikel von NEUKAMM zu sehen glaubt. Felix HESS hätte auch besser mal noch mindestens 2 oder 3 Beträge von NEUKAMM abwarten sollen, bevor er sich hier mit Nebensächlichkeiten wie dem Koinzidenzbeispiel abmüht. Im ersten Teil legt NEUKAMM, neben der Auseinandersetzung um die WIDENMEYERsche Begriffsdefinition von Materie und Substanz, im Wesentlichen die Position des Naturalismus zum Übernatürlichen dar. Er zeigt, dass es, angesichts unseres Nichtwissens über Gott , derzeit für die Wissenschaft keine Option ist, ihn als überzeugende, erklärungsfähige Ursache für irgendetwas in unserer Erfahrungswelt zu sehen. ID-Anhänger und Kreationisten sehen das bekanntermaßen anders, das ist nicht neu. An dieser Stelle sind die Fronten somit eigentlich schon abgesteckt und die Argumente im Wesentlichen ausgetauscht. Der erste Beitrag ist vor allem eine grundsätzliche Positionsbestimmung. Mit den zum Teil schon erschienenen weiteren Artikeln, in denen NEUKAMM im Detail auf die Argumente von WIDENMEYER eingeht, zeigt er dann vor allem, warum diese eben nicht für den Schluss auf die beste Erklärung geeignet sind und wo deren Schwächen liegen. Felix HESS macht indes ein ziemliches Buhei um Petitessen und fühlt sich offensichtlich für Markus WIDENMEYER stellvertretend gekränkt.

Quelle

 

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/html/2016/welt-mit-verstand-replik-felix-hess.html

http://ag-evolutionsbiologie.net/pdf/2016/welt-mit-verstand-replik-felix-hess.pdf

Die Endosymbiontentheorie

Allgemeine Grundlagen, Fakten, Kritik

Im vorliegenden Artikel wird die Endosymbiontentheorie (EST) ausführlich erklärt und argumentativ dargelegt. Grundlagen werden erörtert und Befunde aus der Fachliteratur zusammengestellt, endosymbiosedie die EST belegen. Des Weiteren werden zentrale kreationistische Einwände gegen die EST durch die Fachliteratur entkräftet. Es werden neuere Daten und Experimente vorgestellt, die tiefere Einsichten in die molekularen Mechanismen liefern, durch die sich die Genome der eukaryotischen Zellen seit ihrer Entstehung vor fast zwei Milliarden Jahren herausgeschält haben. Mit neuen Methoden und gentechnischen Verfahren ist es möglich, Prozesse, die normalerweise in erdgeschichtlichen Zeiträumen ablaufen, im Zeitraffer experimentell nachzuvollziehen. Ungeachtet offener Detailfragen gilt die EST heute als so wohl bestätigt, dass keine vernünftigen Zweifel mehr an ihr bestehen.

 

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Aus dem Inhalt

 

– Einleitung: Die Endosymbiontentheorie

– Primäre, sekundäre und tertiäre Endosymbiose

– Fakten und Belege für die Endosymbiontentheorie

– Kreationistische Kritik: Offene Detailfragen, Gentransfer und Proteinimport

– Die Verwechslung von Grundfrage und Mechanismenfrage

– Endosymbiotischer Gentransfer: Ein Dreiphasenmodell

– Gentransfer im Zeitraffer

– Aktivierung transferierter Gene

– Sortierung und Import von Proteinen: Evolution von Zielsequenzen

– Proteintransportsysteme: Translokasen

– Chaperone (Hilfsproteine) und Peptidasen

– Weitere Belege für das Dreiphasenmodell der Endosymbiose

– Kritik: Energiegewinnung – treibende Kraft der Symbiose?

– Weitere Einwände zu Detailfragen

– Zusammenfassung und Ausblick

– Literatur

Zusammenfassung und Ausblick

 

Die Endosymbiontentheorie (EST) ist, gemessen an neueren Erkenntnissen, so wohl bestätigt wie nie. Nicht nur, dass immer mehr cytologische und molekularbiologische Daten die EST untermauern, auch eine Reihe von Experimenten der vergangenen Jahre hat erste Einsichten in die molekularen Mechanismen geliefert, durch die sich die Genome der eukaryotischen Zellen seit ihrer Entstehung vor fast zwei Milliarden Jahren herausgeschält haben. So laufen intrazellulärer Gentransfer und die Genaktivierung im Zellkern wesentlich häufiger ab, als noch vor wenigen Jahren angenommen. Mit neuen Methoden und gentechnischen Verfahren ist es möglich, diese Prozesse im Labor in einem Zeitraum von Monaten und Jahren modellhaft ablaufen zu lassen. Dies eröffnet die Perspektive, Vorgänge, die normalerweise in erdgeschichtlichen Zeiträumen ablaufen, experimentell nachzuvollziehen.

Die Versuche der Evolutionsgegner gegen die Endosymbiontentheorie zu argumentieren, sind dagegen müßig und unglaubwürdig. Ihrer Argumentation liegt der Fehlschluss zugrunde, untergeordnete Detailfragen nach dem “Wie” der Endosymbiose mit Einwänden gegen die Endosymbiontentheorie an sich (also mit der grundsätzlichen Frage nach dem “Ob” und den sie stützenden Belegen) zu verwechseln. Die Frage, inwieweit dieser oder jener Mechanismus zureichend zur Erklärung der Endosymbiose ist oder ob dieser oder jener Vorfahr oder die primäre Triebfeder der Endosymbiose schon bekannt ist, ändert nichts an den Belegen zugunsten der EST. Darin zeigt sich, dass alle Belege und Fakten, die bezüglich der Mechanismen und Prinzipien der Endosymbiose bereits heute vorliegen, von den Evolutionsgegnern verzerrend dargestellt oder ignoriert werden. Auch der Versuch nachzuweisen, dass die EST im Laufe der vergangenen Jahrzehnte einen “erheblichen Wandel in ihrer stützenden Argumentation” erfuhr, beweist lediglich, dass sich wissenschaftliche Theorien weiterentwickeln, dass Wissenschaft etwas Dynamisches ist und (im Gegensatz zum Kreationismus) keine statische Ansammlung von Dogmen.

Auch Versuch, anhand der Komplexität der physiologischen Zusammenhänge zwischen Eukaryontenzelle und Organellen ein Unwahrscheinlichkeits-Argument gegen die Endosymbiose aufzubauen, um es in ein Argument für Schöpfung umzudeuten, überzeugt nicht. Will man eine Betrachtung anstellen, die mit Evolution etwas zu tun hat,  muss die Art und Weise, wie erfolgreicher (funktionaler) Gentransfer zustande kam, anders besprochen werden als es die Evolutionsgegner tun. Jedenfalls sprechen derzeit weder empirische Daten noch theoretische Argumente gegen eine sich in vielen selektionspositiven Schritten vollziehende Endosymbiose, im Gegenteil: die Fachliteratur spricht eine andere Sprache.

 

Quelle

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/pdf/2011/Endosymbiontentheorie.pdf

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/html/2011/endosymbiose.html

Die ‘Feinabstimmung’ der Naturkonstanten

widenmeyer-welt-ohne-gottM. Widenmeyer: “Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus” – Teil 3

In dem Buch Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus setzt sich der Diplomchemiker und evangelikale Christ Markus WIDENMEYER mit der „Ordnung“ in der Natur auseinander und entwickelt daraus Argumente gegen den (ontologischen) Naturalismus der Naturwissenschaften. Er vertritt sogar den Anspruch, den Naturalismus widerlegt zu haben (z.B. S. 10) und betrachtet den Schluss auf einen göttlichen Ursprung der Welt als Schluss auf die beste Erklärung. Im vorliegenden 3. Teil unserer Buchbesprechung widmen wir uns dem Argument der so genannten Feinabstimmung der Naturkonstanten, die notwendig zu sein scheint, um die Entstehung von Leben im Kosmos zu ermöglichen.

 

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Zusammenfassung

Einwand 1: Die Begrifflichkeiten setzen das zu Beweisende voraus

Einwand 2: Fine-tuning stützt nicht den Supranaturalismus

Einwand 3: Der überwiegend lebensfeindliche Kosmos spricht gegen eine Feinabstimmung lokaler astronomischer Parameter

Einwand 4: Das „anthropische Prinzip“ ist trivial

Einwand 5: Die Annahme eines „Planers“ ist völlig erfahrungsresistent

Einwand 6: Ein Fine-tuning der globalen Parameter ist nicht erwiesen

Einwand 7: Das Wahrscheinlichkeitsargument ist ungültig

Einwand 8: Die großen vereinheitlichten Theorien reduzieren die Zahl der freien Parameter zur Erklärung der „Feinabstimmung“

Einwand 9: Das Fine-tuning-Argument ist eine Form des Fehlschlusses, der an das Nichtwissen appelliert (Lückenbüßer-Argument)

 

Quelle

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/pdf/2015/widenmeyer-welt-ohne-gott-kritik-naturalismus-teil-3.pdf

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/html/2015/widenmeyer-welt-ohne-gott-kritik-naturalismus-teil-3.html

Australopithecus und Homo: Wo ist das connecting link?

Anmerkungen zu dem Beitrag: “Homo habilis war kein Mensch”

dmanissi

Schädel von Dmanissi

Die Fossilfunde zur Evolution des Menschen werden von der Studiengemeinschaft WORT UND WISSEN kreationistisch interpretiert: Im Mittelpunkt steht der Versuch, eine scharfe Grenze zwischen den Gattungen Homo und Australopithecus zu ziehen und jede vermittelnde Form entweder einem angeblichen Grundtyp “Mensch”, oder einem Grundtyp “Menschenaffe” zuzuordnen. Aus dieser Sicht wird die Existenz fossil belegter, evolutionären Übergangsformen bestritten. Dieses Argumentationsschema wird anhand eines Textes von Michael BRANDT dargestellt und kritisiert. Er bestreitet die Zugehörigkeit der fossilen Arten Homo habilis und Homo rudolfensis zur Gattung Homo und damit ihren Charakter als Übergangsform. Allerdings ändert eine Umbenennung von H. habilis/rudolfensis in Australopithecus spec. einschließlich einer Neubewertung ihrer Merkmale nichts an dem Übergangscharakter der Fossilien. Zudem ignoriert BRANDT Funde und Ergebnisse, die nicht in seine Argumentation passen. Der Versuch, die Unterschiede zwischen Homo erectus und Homo sapiens zu leugnen, um sie einem “Grundtyp Mensch” zuzuordnen, gelingt nicht. Zudem werden die absurden Konsequenzen der eigenen Position großzügig übergangen.

 

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Zusammenfassung 

Zum Text Michael BRANDTs, der die Zugehörigkeit der fossilen Arten Homo habilis und Homo rudolfensis zur Gattung Homo und damit ihren Charakter als Übergangsform bestreitet, ist Folgendes zu sagen:

  1. Eine Umbenennung von Homo habilis/rudolfensis in Australopithecus spec. einschließlich einer Neubewertung ihrer Merkmale ändert nichts an dem Mosaik- bzw. Übergangscharakter der Fossilien. Die gegenteilige Behauptung von BRANDT ist unbegründet; die von ihm zitierten Quellen stützen seine Behauptung nicht. Zudem werden die verfügbaren Daten von BRANDT einseitig interpretiert, wesentliche Fakten übergangen.
  2. Funde, die nicht in das kreationistische Grundtypen-Schema passen, werden ignoriert, auch wenn sie bereits bekannt waren. Das gilt vor allem für den frühen Homo erectus aus Dmanissi. Auch neuere Ergebnisse, die BRANDT noch nicht kennen konnte, sprechen gegen seine Position.
  3. Dass die Fossilien der Homininen mit abnehmendem Alter, trotz ihrer oft inkongruenten Mosaikmerkmale, zunehmend mehr menschähnliche (moderne) als menschenaffenähnliche (ursprüngliche) Merkmale zeigen, ist für die Beurteilung der evolutionären Hominisation und den Status von Übergangsformen wie H. habilis wesentlich. Ein Beispiel ist die Zunahme der Schädelkapazität, ein anderes die zunehmend aufwendigeren Steinwerkzeuge. Ein von BRANDT selbst genanntes Beispiel ist die immer längere Dauer der Kindesentwicklung. In dieser Hinsicht sind nicht nur H. habilis, sondern bereits die Australopithecinen connecting links, die zwischen dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Mensch und Schimpanse und der Gattung Homo vermitteln.
  4. Auch der umgekehrte Versuch, die offensichtlichen Unterschiede zwischen Homo erectus und Homo sapiens zu leugnen, um sie einem “Grundtyp” zuzuordnen, gelingt nicht. Der Versuch erstreckt sich bis ins Reich der reinen Fantasie, wenn zum Beispiel Homo erectus als “Seefahrer” dargestellt wird.
  5. Die Kritik von WORT UND WISSEN verschweigt, dass ihre eigene Position nicht nur mit weitaus mehr Schwierigkeiten behaftet ist als die Lehrmeinung, sondern völlig unhaltbar ist. Deshalb vermeidet die Studiengemeinschaft, ihre eigene Alternative zur Evolution des Menschen klar darzustellen.

Quellen

 

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/pdf/2015/zwischen-australopithecus-und-homo.pdf

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/html/2015/zwischen-australopithecus-und-homo.html

Lesenswert: Creationism in Europe

Blancke, S., Hjermitslev, H.H., Kjærgaard, P. (eds.)  (2014):

Creationism in Europe.- Baltimore, Johns Hopkins University Press, Baltimore. – Geb., 276 S., ca. 38 € (Kindle edition ca. 28 €).- ISBN 1 4214 1563 1.creationism-europe

Wissenschaftliche Kritik an Darwins großer Theorie der Evolution gibt es seit dem Erscheinen der „Origin of Species“ im Jahre 1859. Darwin selbst hat den Kollegenkreis dazu aufgefordert, diese hat diese Aufforderung auf- und angenommen. Diese konstruktive Kritik hat in den vergangenen 155 Jahren Darwins Theorie vorangebracht und zu ihrer Weiterentwicklung beigetragen. Das kann man von der Kritik des Kreationismus nicht behaupten, der anstelle einer wissenschaftlich fundierten Theorie alten Mythen von der Erschaffung der Welt und der Arten der Lebewesen durch einen Gott anhängt – sei es in der Form eines Kurzzeitkreationismus, der ein Erdalter von einigen tausend Jahren annimmt, sei es in der Form des „Intelligent Design“, bei dem aus der Komplexität der „Geschöpfe“ auf die Existenz eines „Designers“, eines „Schöpfers“ geschlossen wird, ohne diesen erst einmal explizit zu benennen.

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M. Widenmeyer: “Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus” – Teil 1

widenmeyer-welt-ohne-gottWarum verhalten sich die Dinge gesetzmäßig, woher kommt die “Ordnung” in der Natur? Warum gibt es überhaupt etwas und nicht nichts? Was ist das “innere Wesen” der Dinge? Woher stammen Bewusstsein und Geist? In dem Buch “Welt ohne Gott? Eine kritische Analyse des Naturalismus” setzt sich der evangelikale Christ Markus WIDENMEYER mit solchen Fragen auseinander. Er behauptet, aus Sicht des Naturalismus der Naturwissenschaften seien all diese Fragen nicht nur “radikal unerklärt”, sondern prinzipiell unerklärbar. Er entwickelt daraus Argumente gegen den Naturalismus und behauptet, die einzig rationale Antwort auf diese Fragen sei “Gott” (bzw. der Supranaturalismus). In diesem Buch bündeln sich die Argumente religiös motivierter Naturalismuskritik; wir wollen es daher in 10 Teilen besprechen. Teil 1 widmet sich der Frage, ob es prinzipielle Grenzen der Naturwissenschaften gibt und ob der Supranaturalismus eine (plausible) Erklärung für sie liefern kann.

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Zusammenfassung

WIDENMEYERs Naturalismuskritik scheitert an dem performativen Selbstwiderspruch, einerseits die Existenz nicht mehr hinterfragbarer Tatsachen (sog. facta bruta) als Unzulänglichkeit des Naturalismus und als Plausibilitätsargument zugunsten der Existenz Gottes zu interpretieren, andererseits aber die Gottexistenz als factum brutum voraussetzen zu müssen. Dieser Widerspruch wird nur oberflächlich zugedeckt, indem Gott als in sich verständlich bezeichnet wird, womit etwas vorausgesetzt wird, was nicht weiter begründet werden kann.

Dem Autor gelingt es nicht zu zeigen, wie der Supranaturalismus zu konkreteren Erkenntnissen oder gar zu Erklärungen gelangen könnte als der Naturalismus. Den an sich gestellten Anspruch, einen intelligibleren Lösungsansatz zu präsentieren als den Naturalismus, kann er nicht einlösen. Im Gegenteil, die Erklärungsleistung, die WIDENMEYER für den Supranaturalismus beansprucht, geht nicht über das Niveau undifferenzierter All-Erklärungen hinaus. Eine ordentliche Theorie des Übernatürlichen und der behaupteten Interaktion zwischen Gottes Geist und der Materie kann er nicht anbieten. Er unterstreicht damit ungewollt die naturalistische Grundeinsicht, dass das Verständnis der Welt nicht über sie hinaus führt. Ironischerweise wirft der Autor dem Naturalismus zu Unrecht den Gebrauch magischer Elemente vor, von denen er selbst üppig Gebrauch macht.

Der Supranaturalismus kann keine Evidenz beanspruchen, weil nichts aus der Erfahrung auf außerweltliche Planung hindeutet. Das Analogie-Argument ist nur dann scheinbar plausibel, wenn man alles, was wir über intelligente Planer wissen (etwa, dass es keine reinen Geistwesen gibt und dass sie sich nicht über die Naturgesetzlichkeit der Welt hinwegsetzen können), ignoriert und ins Gegenteil verkehrt. Daher kann sich WIDENMEYER nicht auf Rationalität, sondern nur auf den A-priori-Glaubensstandpunkt berufen, dass sich eine geistige Ordnung bei Gott aus sich selbst erklärt, wogegen alle materielle Ordnung einer weiteren Erklärung bedarf.

Oft skizziert der Autor vermeintliche Probleme des Naturalismus, die nur aus dem Blickwinkel seiner speziellen Metaphysik zu existieren scheinen, dem Selbstverständnis des Naturalismus und Materialismus jedoch widersprechen: So beruht des Autors Vorstellung von der Existenz eines unerklärbaren “inneren Wesens” der Dinge und ihrer Eigenschaften aus materialistisch-naturalistischer Sicht teils auf einem Kategorienfehler, weil er “Eigenschaften” und “Substanzen” vergegenständlicht, teils auf der philosophischen Anschauung des Phänomenalismus, wonach wir nur die Erscheinungen der Dinge erkennen, nicht aber das Wesen der Dinge selbst rekonstruieren können. Diese Anschauung ist jedoch anti-realistisch, womit WIDENMEYER die Basis seiner eigenen Argumentation wegschneidet. Die Grundzüge des Naturalismus und Materialismus, die er kritisiert, hat er nicht hinreichend verstanden.

Quelle

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/pdf/2015/widenmeyer-welt-ohne-gott-kritik-naturalismus-teil-1.pdf

http://www.ag-evolutionsbiologie.net/html/2015/widenmeyer-welt-ohne-gott-kritik-naturalismus-teil-1.html

Flagelle weg, Flagelle da

Evolutions-Experimente zur Regulation der bakteriellen Flagelle zeigen exemplarisch, wie flexibel genetische Netzwerke auf starken Selektionsdruck reagieren.

(c) University of Reading

(c) University of Reading

Wie reagieren Organismen und deren Genome auf Selektionsdruck? Welche evolutionären Mechanismen führen dazu, dass Gene neue Aufgaben übernehmen? Ein Forscherteam um Robert Jackson und Louise Johnson (Universität Reading)  stellt zu diesen Fragen ein schönes Experiment vor, in dem die Flagelle des Bakteriums Pseudomonas fluorescens im Zentrum steht (Science 347:1014-17). Die Flagelle, ein Fortbewegungsorgan vieler Bakterien, besteht aus einem beweglichen „Faden“ und einem „Motor“, die über einen Haken verknüpft sind. Aufgebaut wird der ganze Apparat aus einer Vielzahl verschiedener Proteine.

Die Gene für diese Flagellenproteine stehen unter Kontrolle eines Master-Kontrollgens, FleQ. FleQ kodiert für ein „Enhancer-Binde-Protein“. Das heißt, das FleQ-Protein bindet an Kontrollelemente der DNA bestimmter Zielgene (in diesem Fall der Flagellen-Gene) und ermöglicht so, dass die Zielgene zuerst in Boten-RNA (mRNA) umgeschrieben und daraus dann das eigentliche Genprodukt hergestellt wird, also zum Beispiel die Bestandteile des Motors der Flagelle.

Wenn man den „Master-Regulator“ FleQ zerstört, hat Pseudomonas folglich keine Flagelle mehr, denn die nötigen Einzelteile werden nicht mehr hergestellt. Die Forscher um Jackson wollten nun wissen, was passiert, wenn man Pseudomonas-Stämme mit defektem FleQ einem starken Selektionsdruck für Beweglichkeit aussetzt. Findet der Prozess aus spontaner Mutation und natürlicher Selektion eine neue Lösung für das Anwerfen der Flagellen-Gene? Dazu ließen sie Pseudomonas-Stämme mit gentechnisch ausgeschaltetem FleQ unter Bedingungen wachsen, unter denen in den punktförmigen Kolonien der Kulturschale schnell die Nährstoffe ausgehen, und die Bakterien folglich verhungern, wenn sie sich nicht vom Fleck bewegen.

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HMS Beagle als LEGO-Modell

HMS Beagle, aus LEGO gebastelt von Luis Pena

HMS Beagle, aus LEGO gebastelt von Luis Pena

Die britische Zeitung “The Guardian” berichtet heute über das Feierabend-Projekt eines chilenischen Professors: Aus 2024 Einzelzeilen hat Luis Pena über fünf Monate hinweg ein detailgetreues LEGO-Modell der HMS Beagle entworfen.

Die HMS Beagle war das Schiff, mit dem der junge Charles Darwin um die Welt reiste. Auf dieser Fahrt sammelte er viele der Indizien für den Prozess der Evolution durch natürliche Auslese, die später in sein Hauptwerk “The Origin of Species” einflossen.

Falls das Projekt 10.000 Unterstützer findet und die LEGO-Manager es für realisierbar halten, könnte es bald einen HMS-Beagle-Bausatz in den Geschäften geben – komplett mit Darwin, Captain Fitzroy und Szenen, die Darwin bei Land-Expeditionen zeigen. Hier könnt ihr eure Stimme abgeben:

https://ideas.lego.com/projects/93900